Ein halbes Jahrzehnt

Okay, wo soll ich anfangen...
Zu Anfang war immer der Anfang - oder wie es so schön heißt. Und ehrlich gesagt muss ich auch ziemlich weit ausholen, um aufzuarbeiten, was seit meinem letzten Beitrag alles passiert ist.

Recap
2021
Das Jahr begann, wie ich das vorherige beendete - mit Kurzarbeit und ohne Perspektive. Und tatsächlich wurde der Gedanke "jetzt einfach Kinder zu kriegen" schneller zur Realität, als ich das zu diesem Zeitpunkt erwartet hätte. I mean, klar, wir kennen mich. Wenn ich etwas will, dann tendenziell bitte sofort. Und so wartete ich vom Entschluss bis zur Umsetzung auch keine 3 Minuten und zack, im Februar war ich schwanger.
Novemberbaby
Krass.
So verbrachte ich einen großen Teil des Jahres damit, schwanger durch die Gegend zu watscheln und diverse Dinge zu tun, die man eben so macht, wenn man dieses Erlebnis zum ersten Mal hat. Babysachen shoppen, Namen aussuchen (wobei der eigentlich schon feststand, bevor ich überhaupt den positiven Test in der Hand hatte) und endlos viele Fotos machen.
Anfang November wurde meine Tochter geboren und es begann ein neuer Abschnitt meines Lebens, den ich noch wenige Monate zuvor nie für möglich gehalten hätte - ICH war jetzt Mama.
2022
Elternzeit.
Ja, was soll ich sagen... jeder, der Kinder hat, weiß, was in den ersten Monaten so abgeht. War bei mir jetzt auch nicht sonderlich anders. Allerdings reifte nach einer gewissen Zeit, in der ich definitiv viel zu viel Langeweile zuhause hatte, ein Gedanke in mir.
Auch wenn ich inzwischen beruflich sehr vielseitig aufgestellt war, so konnte doch kein Job mit einer kinderbetreuungsfreundlichen Arbeitszeit beeindrucken. Und ehrlich gesagt hatte ich auch auf das meiste echt keine Lust mehr. Also, wie so oft in meinem Leben: Etwas Neues muss her!
Gesagt, getan.
Da es bei meinem Mann zu der Zeit ziemlich gut lief, entschied ich, die Gelegenheit zu nutzen und noch ein letztes Mal von null zu starten.

Grundschullehramt
Ja, ich weiß wie das klingt. Was zur Hölle!?
Erst kriegt sie ein Kind und dann will sie auch noch Lehrerin werden? Keine Sorge. Hab ich auch gedacht. Es hat zugegebenermaßen auch für mich eine ganze Weile gedauert, bis ich vollends begriffen hatte, was ich mir da wieder spontan im Urlaub überlegt hatte. Doch ehrlich gesagt liebe ich es, dass mich bei so völlig verrückten, spontanen Schnappsideen nichts mehr stoppen kann. Denn heute sitze ich hier und kann mit voller Überzeugung sagen, dass es die beste Entscheidung war, die ich hätte treffen können.
2023
Wieder schwanger.
WTF CHARLY? Ernsthaft? Mit Baby ein Studium angefangen und dann denkst du dir im zweiten Semester so: "Ach, ist doch langweilig, kann ja jeder. Lass mal noch ein Kind kriegen!" - SERIOUSLY?
Ja. Irgendwie schon.
Zugegeben war das in diesem Fall etwas länger geplant. Die Große sollte ursprünglich Einzelkind bleiben, aber in meinem Kopf sah ich uns immer zu viert. Und nach ewigem Hin und Her konnten wir uns dann doch dazu durchringen, in eine zweite Runde zu gehen.
So studierte ich als für 2 Semester schwanger weiter und durfte dann sogar die letzten Wochen ganz entspannt zuhause bleiben und statt Klausuren einen Umzug vorbereiten. Wände malern und Möbel aufbauen im 8. Monat - kann man mal machen. Denn erstaunlicherweise ging mein teuflischer Plan sogar perfekt auf und der errechnete Geburtstermin lag genau zu Beginn der Prüfungsphase.
Hat sie gut gemacht :D

2024
Family of four - Klingt fast zu schön um wahr zu sein... und wie sich herausstellte, sollte es auch genau das sein.
Das Jahr begann gut. Mein Sohn kam kurz nach Jahresbeginn auf die Welt und bewies sehr eindrucksvoll, dass auch Jungs echt schnell sein können. Doch der Zauber hielt nicht lange. So sehr ich ihn auch liebte, ich vermisste die Uni. Ich vermisste mein Leben. Mir fehlte ein Ausgleich zum permanenten Mama-sein. Das Jahr zog sich wie Kaugummi und es kriselte an allen Ecken und Enden.
Beruflich war ich mir sicherer denn je.
Privat stellte ich langsam alles in Frage.

2025
Alleinerziehend.
BÄM.
Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen - das Jahr hatte es in sich! Ich war nicht mehr glücklich. Schon lange nicht mehr. Und nach einem Jahr Gnadenfrist, in der sich nichts änderte (außer, dass ich jemanden kennenlernte, der mir auf sehr eindrucksvolle Weise vor Augen führte, dass meine Beziehung zu Ende war), musste ich die schwerste Entscheidung meines Lebens treffen.
Im März trennte ich mich von meinem Mann.
Und seit dem lebe ich allein mit den Kindern (zumindest die Hälfte der Zeit) hier in dieser neuen Wohnung, die ich damals schwanger für uns eingerichtet hatte, habe mich komplett neu arrangiert und fühle mich freier als je zuvor. Es mag für viele nicht okay sein, dass ich meinen Kindern "die heile Familie" genommen habe, doch eine unglückliche Mama kann ihnen auf lange Sicht deutlich weniger bieten, als eine glückliche. Und ich schuldete es mir selbst, mich in diesem Fall für mein eigenes Glück zu entscheiden.
Das Jahr war geprägt von Emotionen.
Ich machte meinen Bachelorabschluss, während ich parallel schon im Master eingeschrieben war. Ich erfüllte mir nach und nach Träume, die ich mein Leben lang vor mir her schob. Ich reiste wieder. Ich schrieb Bücher.
2026
Und nun ist bereits März eines neuen Jahres.
Im Sommer werde ich mein Masterstudium abschließen und das Referendariat beginnen. Parallel beginne ich eine Promotion in Berlin im Bereich Deutschdidaktik, Kreatives Schreiben.
Wer mich kennt, der weiß, dass ich gerade genau das mache, was schon immer für mich bestimmt war.
Ich denke.
Ich schreibe.
Ich reise.
Jahrelang habe ich mich gefragt, wo ich hingehöre. Und wenn ich von Beginn an auf mein Bauchgefühl gehört hätte, wäre es so einfach gewesen, zu sehen, wofür ich bestimmt bin.
Und nun kann ich es endlich leben.

Noch nie habe ich in so kurzer Zeit so viele Emotionen durchlebt wie im vergangenen Jahr. Und heute, wo mein Geburtstag nur noch wenige Stunden entfernt ist, nähert sich der Jahrestag einer Entscheidung, die ich im Traum nie gedacht hätte, treffen zu müssen - und doch keinen einzigen Tag bereut habe.
Ich bin wieder ich selbst.
Ich liebe meine Kinder, aber ich liebe auch mein Leben.
Und das werde ich in den nächsten Jahren definitiv endlich wieder genießen! Im Oktober zum ersten Mal wieder allein zu reisen war ein Anfang. Meinen Masterabschluss zu machen und tatsächlich den Schritt zum Doktortitel zu wagen, ist ein Statement. Über mein Buch möchte ich an dieser Stelle gar nicht erst reden... (iykyk)
Alles in Allem können wir denke ich guten Gewissens behaupten, dass sich trotz diverser grundlegender Veränderungen in meinem Leben eine Sache DEFINITIV nicht verändert hat:
Ich bin weiterhin unberechenbar!